Jörgs Webnotizen


Rechtschreibreform auf dem Prüfstand

10.08.2004 Sechs Jahre nach Inkrafttreten der Rechtschreibreform kündigen der SPIEGEL und der Springer Verlag an, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren - die Mehrheit der Bevölkerung könne der neuen Rechtschreibung immer noch nichts abgewinnen.

Viele Menschen empfinden die Reform nicht als eine Vereinfachung. Unterm Strich ist sie das aber sehr wohl, wenn man alte und neue Regeln nüchtern einander gegenüber stellt. Nach der alten Rechtschreibung wurde z.B. ein stimmloses s nach einem kurzen Vokal mit ss geschrieben, außer am Silbenende: dort erhielt es ein ß. Ein Faß schrieb man mit ß, mehrere Fässer mit ss.

Der Fuß - die Füße
Das Faß - die Fässer

Nach der Rechtschreibreform ist die Regel einfacher: für ein stimmloses s nach kurzem Vokal schreibt man immer ss. Ein Fass schreibt man genau so wie mehrere Fässer mit ss.

Der Fuß - die Füße
Das Fass - die Fässer

Anderes Beispiel: früher musste man von drei gleichen, direkt aufeinanderfolgenden Konsonanten einen streichen, außer es folgte ein weiterer Konsonant

Schiffahrt
Sauerstoffflasche

Die Regel wurde komplett gestrichen, so dass man sich nicht mehr merken muss, wann gestrichen wird und wann nicht.

Schifffahrt
Sauerstoffflasche

Es gibt natürlich auch Regeln, die erscheinen weniger logisch, aber solche strittigen Punkte gab es auch bereits in der alten Rechtschreibung, nur an anderen Stellen. Dass das Regelwerk von vielen als nicht vereinfachend empfunden wird, liegt m.E. vor allem an der Umstellung: die alte Norm erscheint einem schlüssiger, weil man deren Regeln bereits verinnerlicht hat. Die Zumutung der neuen Rechtschreibung bestand nicht darin, dass sie schlechter war als die neue, sondern darin, dass viele Menschen umlernen mussten. Die Politiker hätten sich damals fragen sollen, ob die wenigen Vereinfachungen diesen Aufwand rechtfertigen. Ebenso denke ich aber auch, dass diejenigen, die die neue Rechtschreibung in den vergangenen Jahren gelernt und verinnerlicht haben, es nun genauso als Zumutung empfinden würden, wenn sie gezwungen werden, die alte Rechtschreibung zu verwenden.

Die Rechtschreibung ist lediglich eine Norm für die geschriebene Sprache, an die ich mich auch nicht in allen Punkten halte. Ich selbst habe in der Schule noch gelernt, daß mit ß zu schreiben, später habe ich dann aber auf ss gewechselt, weil mir die Vereinfachung der Regel einleuchtete. In anderen Punkten bin ich bei der alten Norm geblieben, Stengel schreibe ich beispielsweise auch weiterhin mit e.

Zuweilen wird im Hinblick auf die Rechtschreib-Reform auch von einer Verunstaltung der Sprache gesprochen. Dabei übersieht man, dass die Sprache in ihrem Kern von derartigen Regelungen überhaupt nicht berührt wird: wir können auch sprechen, ohne zu schreiben, und auch die Art und Weise, wie man ein Wort schreibt, beeinflusst nur marginal dessen Gebrauch und Bedeutung, wenn überhaupt. Ich habe in den letzten Tagen mal verstärkt im Web geschaut, wer nach welcher Rechtschreibung schreibt, mir war es bislang meist nicht bewusst aufgefallen; und eigentlich ist es für das Verständnis ja auch absolut unwichtig, ob jemand Kuß oder Kuss schreibt :)

PS: wer in dieser Webnotiz Fehler gemäß der alten oder neuen Rechtschreibung entdeckt, darf sie behalten ;)