Jörgs Webnotizen


Trendwende am Browser-Markt?

25.07.2004 Im Juni 2002 erklärte Marc Andreessen, einer der Entwickler des legendären Mosaic Browsers und Mitbegründer der Firma Netscape Communications Corporation, den sogenannten Browser-Krieg für beendet. 1996 war der Nachfolger von Mosaic, der Netscape Navigator, mit einem Anteil von 86% noch unumstrittener Marktführer, wurde aber in den Folgejahren vom Internet Explorer vom Thron gestoßen. Zum einen nutzte Microsoft die bereits bestehende Dominanz bei Desktop-Betriebssystemen, um seinen Browser an den User zu bringen: der Internet Explorer 4 wurde fest in das weit verbreitete Windows integriert, und ließ sich auch nicht mehr deinstallieren; zum anderen gelang es den Entwicklern aus Redmond, den technischen Rückstand gegenüber dem Netscape Navigator nicht nur wettzumachen, sondern diesen schließlich auch zu überflügeln. Netscape verlor immer weiter an Marktanteilen, das Ende kam schließlich im letzten Jahr, als AOL, welches Netscape 1999 aufgekauft hatte, die letzten Entwickler entließ, siehe auch meine Webnotiz Abschied von Netscape?

Mit dem Erscheinen der Version 6 im März 2001 erreichte die Entwicklung des Internet Explorers einen vorläufigen Abschluss: der Browser hatte den alten Netscape Navigator technisch weit hinter sich gelassen und infolge dessen eine marktbeherrschende Stellung erlangt; nicht wenige Statistiken zeigten einen Anteil von über 90% an, während der Netscape Navigator mehr und mehr an Bedeutung verlor, und andere Browser wie Opera oder der Netscape Nachfolger Mozilla (auf dem wiederum die neuen Netscape Versionen 6 und 7 aufsetzen) lange Zeit nur ein Nischendasein fristeten. Eine Weiterentwicklung schien mangels ernsthafter Konkurrenz also nicht mehr erforderlich und in diesem Jahr verkündete Microsoft, dass die Nummer 6 die letzte Stand-Alone-Version sei, ein neuer Internet Explorer wird nur zusammen mit einem neuen Betriebsystem (Longhorn) zu haben sein.

Marktführer, aber technisches Schlusslicht

Dass Microsoft sich auf seinen Loorbeeren ausruht, ist freilich auch eine Chance für Alternativ-Browser, deren Entwicklung in den letzten Jahren nicht stillstand, so dass der Internet Explorer in vielen Bereichen inzwischen sogar das Schlusslicht darstellt: sei es dass er CSS im Vergleich zu anderen modernen Browsern oft nur mangelhaft umsetzt (siehe hierzu meine Webnotiz Der Internet Explorer und CSS), sei es dass ihm die bei anderen Browsern selbstverständlichen Features wie Pop-Up-Blocker oder Tabbed Browsing fehlen, oder sei es dass er mit Umlauten in Domainnamen nichts anfangen kann (siehe meine Webnotiz Umlaute für den Internet Explorer). Das größte Manko ist aber die mangelnde Sicherheit: seit Jahren hinkt Microsoft bei der Fertigstellung von Patches der Bekanntgabe neuer Sicherheitslücken hoffnungslos hinterher, so dass auch ein gepatchter Explorer eine größere Anzahl an bekannten Schwachstellen aufweist. Angesichts neuer gravierender Schwachstellen hat vergangenen Monat mit US-CERT zum ersten mal eine offizielle Stelle empfohlen, einen anderen Browser zu verwenden (Vulnerability Note VU#713878):

There are a number of significant vulnerabilities in technologies relating to the IE domain/zone security model, the DHTML object model, MIME type determination, and ActiveX. It is possible to reduce exposure to these vulnerabilities by using a different web browser, especially when browsing untrusted sites.

Ende des Monats wurde dann sogar auf der Microsoft eigenen Site Slate von Paul Boutin der Wechsel zum Browser Firefox empfohlen: Are the Browser Wars Back? How Mozilla's Firefox trumps Internet Explorer. Einen schwachen Trend hin zu den Alternativ-Browsern gab es zwar schon länger, nun scheint dieser aber langsam an Fahrt zu gewinnen.

Der Internet Explorer scheint seinen Zenith überschritten zu haben

Viele Statistiken zeigen nach einem jahrelangem Anstieg ein Abfallen des Anteils der IE-User, wenn z.T. auch auf sehr hohem Niveau (d.h. weit über 90%). So schreibt Browser News zum Trend des Internet Explorers (Browser News: Statistics - Trends):

Roughly 85% use IE-based browsers, down from a high of ~94% as users switch to other browser families mainly Gecko with this downward trend likely to continue as the alternate browsers improve and as IE remains stagnant with no planned upgrade for several years.

Natürlich unterscheiden sich die Browser-Anteile je nach Zielgruppe, aber der Trend scheint überall der gleiche, wenngleich er bei technikversierten Usern sehr viel früher eingesetzt hat. So weist die Statistik von Webhits im Jahresverlauf zum ersten mal einen Verlust von 1% für Microsoft Browser aus; bei den heise-Lesern ist der Anteil der IE User dagegen inzwischen sogar unter 50% gesunken, vor einem Jahr lag er noch bei über 58% (heise: Internet Explorer dominiert weiter in Europa); und international zeigt W3schools.com einen starken Wechsel zu Alternativ-Browsern. Einen besonders rasanten Anstieg verzeichnen dabei der Mozilla Browser Firefox sowie unter den Mac Usern der Apple Browser Safari, wie meine eigenen Statistiken zeigen.

Noch liegt der Anteil des Marktführers z.T. weit über 90%, aber auch der Internet Explorer hatte mal ganz klein angefangen gegen den großen Netscape; und gerade die technikversierten User, die schon in größerer Anzahl zu anderen Browsern wechseln, setzen Trends, denen mit gewisser Verzögerung auch weniger versierte User folgen; so könnte aus einem Rinnsal irgendwann auch ein Strom werden, falls Microsoft in Sachen Browser-Entwicklung noch lange untätig bleibt. Aber vielleicht hat der Software-Riese aus Redmond die Zeichen der Zeit auch bereits erkannt: seit letztem Monat sammeln Entwickler wieder Anregungen für einen neuen Internet Explorer.